Mittwoch, 14. Oktober 2015

Mama, du spielst hier nur die zweite Geige!

-Achtung: kann Spuren von Überemotionalität enhalten-


Aktuell beschäftigt mich ein Thema ganz akut: Der Schmerz, als Mutter fürs eigene Kind die zweite Geige zu spielen und völlig hilflos diesen Schmerz ertragen zu müssen.

Natürlich weiß ich, dass das irgendwann normal ist.
Und natürlich war es auch bei unsrem Krümelbaby die meiste Zeit ihren jungen Lebens umgekehrt. Ich bin die Mama, schon naturgegeben ist sie mehr an mich gebunden durch das Stillen und den extrem engeren Kontakt, weil der Papa natürlich arbeiten gehen muss. Dazu kam bei uns, dass Helena von Anfang an sehr anhänglich war. Das Stillen ging übers normale 'cluster feeding' hinaus, sie klebte quasi ununterbrochen an meiner Brust

Vom ersten Tag ihres Lebens an wurde das Ablegen ins Bett mit lautem Protest quittiert und so war der Hauptaufenthaltsort für sie mein Körper. 
Ihr Papa hat den so wichtigen Körperkontakt immerhin durch das Tragen im Tuch bei Ausflügen bekommen, denn im 'Stillstand' war meine Brust fast lebensnotwendig für sie.

Und so ergab es sich, dass ich lange, lange die erste Geige war. Natürlich kenne ich das warme Gefühl, aber ich kenne auch die Schattenseiten. Den Raum nicht ohne Kind verlassen zu können. Quasi nie allein zu sein, kaum Freiheit zum Atmen zu haben.
Helena hat früh gefremdelt. Und lang, bis heute ist es noch nicht vorbei. Also schon länger als ihr halbes Leben. Außerdem hat sie sehr sehr früh Verlustängste entwickelt. Wir sind darauf eingegangen, haben sie gestützt und geschützt. Langsam wird es besser und wenn ich sie allein betreue bin ich auch weiterhin ihr Fels, ihre Sicherheit.

Wir lieben uns aus tiefster Seele, in jeder Sekunde unsres Lebens!

Aber seit etwa zwei Monaten kristallisiert sich da eine neue Entwicklung heraus:
Sie begann, sich immer mehr in Richtung Papa abzusichern. Ich glaube, das fand seinen Anfang mit seinem vorletzten Urlaub. Plötzlich hing sie an seinem Bein. Wollte auf seinen Arm. Schaute ihm hinterher.
Ich atmete auf. Es tat so gut, endlich etwas freier zu sein.
Seit etwa der selben Zeit schleicht sich da außerdem eine allererste, kleine Autonomiephase in unser Leben. Der allererste Wutanfall kam kurz vor ihrem ersten Geburtstag. Plötzlich werden Löffel und Schnuller geworfen, sie schmeißt sich trotzig in der Gegend herum, schreit in höchsten Tönen und haut auch schonmal zu.
Während ich von Anfang an wusste, wie ich damit umgehen wollen würde, wenn es soweit ist, schien mein Mann seine Prinzessin so nicht sehen zu wollen. Er gibt schneller nach, ein klares Stop-Signal an unsre Tochter bringt er nicht so leicht über die Lippen, er scheint Probleme zu haben eine für uns alle akzeptable Mischung für liebevolle Konsequenz zu finden.
Jetzt üben wir als Eltern uns darin, dahingehend einen Nenner zu finden.
In dieser Zeit jedoch hat unsre Tochter sich als äußerst feinfühlig für solche Unstimmigkeiten erwiesen.
Das Resultat ist, dass der Papa in der Beliebtheitsskala weit, weit oben steht (zumindest habe ich das Gefühl, dass es auch daran liegt). Ich werde gehauen wenn sie keine Lust auf mich hat, ich darf sie nicht mehr tragen, wenn Papa auch zur Verfügung steht, er muss sie trösten. Wenn er das Haus verlässt krabbelt und heult sie ihm hinterher, während sie mein Fortgehen kaum zur Kenntnis nimmt.
Es gibt so viele Beispiele mehr.


Immer den Schalk im Nacken und in Liebe verbunden.
Papa und Tochter, ein Dreamteam!


Worauf ich mit all dem hinaus will:
Es tut verflucht weh, plötzlich nicht mehr die Nummer eins zu sein. Meine Emotionen schwanken zwischen Erleichterung, Verständnis (denn was kann das Kind dafür?), aber ganz ehrlich auch Wut auf Papa und Kind und allergrößter Enttäuschung und Trauer. Schließlich habe ich Alles gegeben, was ich konnte und manches Mal sogar etwas mehr.

ICH habe sie fast ein Jahr unter Qualen unter meinem Herzen getragen.
ICH wurde monatelang wortwörtlich ausgesaugt.
ICH habe mein Leben für viele Wochen aufs Sofa verlegen müssen.
ICH habe sie fast Tag und Nacht betreut.
ICH sah so viele ihrer 'ersten Male' und habe ihr dafür applaudiert und sie geküsst.
ICH ICH ICH.

Ja, da keimt eine gehörige Portion Egoismus in mir auf. Das Gefühl, all das plötzlich nicht mehr gedankt zu bekommen. Ich weiß, dass das völliger Blödsinn ist. Sie dankt es mir, indem sie ist, wie sie ist. Ein Engelchen, mein Krümelbaby, und natürlich bekomme ich kein Baby, um dann Anerkennung für die Leistung des Großziehens zu bekommen. Aber diese offenkundige Ablehnung meiner Person von Zeit zu Zeit löst ein völliges Emotionschaos in mir aus.

All das soll die Leistung ihres Papas nicht schmälern. Er tut wirklich viel für sie und auch mich. Vielleicht ist er manchmal zu sehr der klischeemäßig unaufmerksame Mann, aber egal um was ich ihn bitte, er tut es. Und wenn er geschafft von der Arbeit nach Hause kommt kümmert er sich sofort um sein Kind, unser Essen oder die volle Windel.
Aber sowohl die Natur als auch der Alltag bringen es mit sich, dass eine Mutter erstmal mehr leisten muss, was das Baby ganz direkt betrifft.
Wie eingangs erwähnt ist es auch nicht so, als ob ich nicht wüsste, dass mein Kind mich trotzdem bedingungslos liebt und das nur eine Phase ist, die (wie jede andere) wahrscheinlich (hoffentlich) bald vorbei ist.
Und trotzdem. Der Schmerz sitzt tief, ich hatte das so nicht erwartet und es fühlt sich mit jedem Mal, an dem der Papa bevorzugt wird, an wie ein Messerstich ins Herz.

Ob mein Mann das am Anfang wohl genauso empfunden hat? 

Wie fühlt es sich wohl für Väter an, in der ersten Zeit diese engere Verbindung zwischen Mutter und Säugling akzeptieren zu müssen?

Danke fürs 'Zuhören'!
Es wird bestimmt wieder Alles gut <3


                                                                                                                                               deine Lila

(Bilder: Zeit für Bilder by Rahel Schul) 

Kommentare:

  1. Ach, ich kann dich so gut verstehen. Bei uns war von Anfang an der Papa mindestens genauso wichtig, da er die ersten 5 Monate viel Zeit zu Hause verbrachte. Trösten und Tragen während der allabendlichen Schreierei in den ersten Wochen konnte er sogar besser.
    Mit dem ersten Urlaub mit 9 Monaten entwickelte sich daraus dann ne extreme Papa-Phase (mein Mann war zu der Zeit wieder oft außer Haus) und die ist bis heute (knapp 2 Jahre) geblieben.
    Momentan bahnt sich in manchen Situationen wieder eine zarte Mama-Klebe-Phase an (wenn Papa nicht da ist, bin ich sowieso die Beste), z.B. in Situationen, die ihr Angst bereiten (Schwimmbad). Das ist ganz schön hart, ich war so manches Mal schwer verzweifelt und hab mich gefragt,was da wohl falsch läuft. Und die Antwort? Ganz ehrlich? Nichts. Daher mein Tipp: Nimm es als gutes Zeichen, die Bindung zum Papa ist gut, die Loslösung läuft super und damit ist auch die Bindung zu dir hervorragend. Wir Mütter sind halt immer verfügbar, der sichere Hafen und somit nichts Besonderes mehr. Papa ist der Super-Star, das Abenteuer, der Spaß aber auch oft die Beruhigung (wenn wir vor Stress gerade mal wieder hyperventiieren - Männer haben da ja oftmals ein dickeres Fell). Nimm dir das bloß nicht so zu Herzen. Du bist und bleibst die Mutter und damit die wichtigste Person im Leben deiner Kleinen. Alles Liebe, Teilzeitmutter

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    1. Vielen lieben Dank für deine Worte. Ich versuche mir selbst auch immer wieder Mut zu machen. Leider lässt sich das Herz nicht so leicht was vom Verstand vorschreiben. Aber es wird besser. Ichblerne langsam, dass ICH unbedingt mehr in mir ruhen muss, um diese Situationen lächelnd zu überstehen.

      Liebe Grüße!

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  2. Hallo Lila!
    Ich könnte gerade komplett bei dir unterschreiben!
    Mein Sohn ist knapp 2,5 Jahre alt, und seit dem Sommer ist es bei uns genauso! Ich darf hier gar nichts mehr machen, immer kommt sofort "Papa soll machen!" Sind wir alleine, ist es besser, aber auch da, sobald ich mal schimpfen "Paaaaapaaa!" Morgens nach dem Aufwachen: "Papa?" Und dann ein Wutanfall, wenn ich sage, dass er arbeiten ist.
    Genau wie bei Dir ist da dieser Egoismus in mir, der an mir nagt. Vor allem nachts, wenn er sich von mir überhaupt nicht beruhigen lässt, und nur der Papa es richten kann, dann werde ich richtig wütend - wütend, weil ich mich so hilflos fühle. Nicht auf ihn, und nur manchmal auf den Papa, eher auf die ganze Situation...
    Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass es bald wieder besser wird! Und lass Dir mal solidarische Grüße da ;0)
    LG Nadine

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    1. Hallo Nadine,

      wir schaffen das! Ich bin da optimistisch. Danke für deine Solidarität, und gut zu lesen, dass es nicht nur mir so geht. Man gibt sich viel zu leicht selbst die Schuld. Und Wut ist echt eine ätzende Emotion....

      Solidarische Grüße zurück ;-)

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  3. Der Artikel hat mich gerade voll ins Herz getroffen. Meine kleine ist erst 4 Monate, aber ich weiß jetzt schon, dass es früher oder später bei uns genauso sein wird, ganz einfach weil sie einen tollen Papa hat, der sie über alles liebt. Noch dazu ist er unter der Woche nicht zu Hause, d.h. die unbequeme Erziehungsarbeit wird erstmal an mir hängenbleiben. Ich versuch mich jetzt schon darauf einzustellen, aber es wird hart werden...

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    1. Ja, Katja, es ist echt hart. Dass du schon irgendwie darauf vorbereitet bist, hilft dir vielleicht. Denn ich hatte mit dieser Situation in dieser Intensität nicht gerechnet und das ist mit ein Grund, dass es so weh tat und tut. Auch wenn ich weiß (und du auch), dass die Kleinen das nicht böse meinen.
      Und es ist schön zu lesen, dass du weißt, dass dein Mann als Papa so toll ist :-)

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  4. Toller, offener, gefühlvoller Text. Ein Text, den ich als Mann gerne unterschreibe, denn mich zerreißt es manchmal auch, bei vielen Dingen nicht dabei zu sein. Noch funktioniert es, dass wir ihn (5 Monate) beide trösten können und meine Frau auch so mal eher ins Bett geht. Wir teilen es auf - wenn ich von der Arbeit da bin. Einfacher ist es auch, weil er ein Flaschenkind ist und ich mir ganz bewusst Zeit mit ihm gönne und mich auch im Tagesablauf mal bewusst zurückziehe, damit nur ich in den Momenten verfügbar bin. Und doch hat sie so viel mehr von ihm und sie kommunizieren anders. Ich weiß, dass es bescheuert ist, da irgendwas gegen zu sagen, denn es liegt nun mal in der Natur der Dinge, dennoch fühlt es sich manchmal komisch an. Sehr komisch.

    Wir werden nach wie vor versuchen, ein Gleichgewicht in der "Erziehung und Betreuung" zu behalten, wie es sich aber entwickelt, bleibt abzuwarten.

    Versuch dich nicht komplett den Gefühlen hinzugeben. Und längst nicht alles was du denkst, ist auch die Wahrheit. Es sind Gefühle, nicht mehr. Es ändert nichts an deinen Anteilen bei eurem Kind.

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    1. Vielen Dank für den lieben Kommentar aus Papa-Sicht!
      Liest sich schön, wie ihr das schafft, das so aufzuteilen. Ich denke auch, stillen hin oder her, aber die Ernährung mit der Flasche hat für die Papas schon Vorteile. Wir haben damals Muttermilch in Flaschen gefüllt, dann konnte der Papa auch 'mal ran'.
      Ich weiß, dass ich sehr emotional an das Thema rangehe. Das Mama-Sein ist meine absolute Erfüllung und es fühlte sich komisch an, für diese Leidenschaft am Ende doch so 'abgestraft' zu werden.
      Inzwischen hat sich all das etwas ausbalanciert. Sie ist und bleibt ein Papakind und ich find das (meistens) wirklich schön. Aber ich werde nicht mal weggehauen und darf auch wieder knuddeln, trösten, lieb haben. So sind wir alle wieder glücklich!

      Ich drücke euch die Daumen, dass euer Gleichgewicht einigermaßen bestehen bleibt :-)

      Liebe Grüße,
      Mara

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  5. Hallo Lila,
    es ist jetzt nun 3 Monate her seit diesem Beitrag, aber ich möchte trotzt dem was dazu schreiben. Ich hoffe die Situation hat sich für dich entspannt, bzw. es gibt wohl eine neue Sachen, die dich beschäftigen. Ich habe 3 Kinder, mein jüngstes ist jetzt 4 Monate. Und ich kann rückblickend auf alle meine Schwangerschaften/Geburt/Stillzeiten sagen, dass das die Zeiten waren, in denen meine Emotionen am meisten verrückt gespielt haben(das sind nun mal einfach die Hormone, die darf man nicht unterschätzen) - wenn da auch noch Müdigkeit, Freizeitentzug dazu kamen, konnte ich meine Gefühlswelt gar nicht mehr erkennen. Ich weiß dass in dieser Zeit Erklärungen nicht viel helfen, man ist einfach oft aufgewühlt und hat plötzlich "negative" Sicht auf die Sachen, obwohl aus der Sicht eines Außenstehenden alles "Super" ist . Halte durch, versuch trotz allem etwas positives zu finden - rede offen mit deinem Partner, am besten wirklich über alles - ein Mann macht nun mal keine Hormonelle Umstellung durch und ist deswegen wesentlich stabiler; bzw. hat eine völlig andere Sicht auf die Situation. Trotz Zeitmangel ist es wichtig Räume zu schaffen und den Alltag zu besprechen. Wenn dein Kind den Vater vermisst, sag ihm, dass du es auch tust, auch wenn sie jetzt noch zu klein ist, aber es wird immer wieder Zeiten geben in der sich dein Kind dir öffnet und dann musst du da sein. Ich wünsche dir starke Nerven und ganz viel Liebe.

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    1. Hach, was für eine gefühlvolle Antwort. Danke! Ich bin ein wahnsinnig emotionaler Mensch, nicht zu nah am, sondern quasi IM Wasser gebaut ;-)
      Mein Mann hat so sehr mit mir mitgefühlt in dieser Zeit, so sehr, dass ich ihn ermutigen musste, kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn meine Wut war ja nun ungerechtfertigt und das wusste ich genau.
      Heute ist die Situation entspannter. Sie ist und bleibt ein Papa-Kind. Aber ich darf auch wieder 'ran'. Und das ist gut so, die Schwankungen zwischen 'mama ist doof' und 'Papa ist doof' sind völlig im Rahmen und wir sind alle wieder glücklich mit der Situation. Und egal wen sie grad lieber mag: Sie bekommt von beiden maximale Liebe :-)

      Liebe Grüße und danke nochmal,

      Mara

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  6. Das trifft den Nagel (fast) komplett auf den Kopf. Bei uns ist es auch gerade so "Mama ist doof, Papa ist toll". Conner ist jetzt fast 17 Monate alt... Wobei bei uns mein Mann der strengere ist. Meistens jedenfalls. Egal was ich mache und tue, ich bin nun mal die blöde grad. Das tut verdammt weh. Ich bin immer für den kleinen da, mache alles, was in meiner Macht steht für ihn und trotzdem. Kuscheln mit Mama? NEIN! Papa? Joa. Küsschen geben? Mama = NEIN Papa = Jupps.

    Es tut einfach weh, auch wenn es sich blöd anhören mag, es ist eben so.
    Liebe Grüße

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    1. Es hört sich nicht blöd an. Man liebt das Kind über alles, und Ablehnung von Menschen die man liebt schmerzt furchtbar.
      Ich kann dir Mut machen: Es wird besser!!
      Heute, drei Monate später, ist Alles wieder in Balance. Sie ist ein Papa-Mädchen geblieben, aber sie lehnt mich nicht mehr ab. Wir sind alle wieder zufrieden, so wie es ist.
      Und so wird es bei euch auch wieder werden.

      Liebe Grüße,
      Mara

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    2. Danke dir. Ich hoffe es sehr. Du hast Recht, es schmerzt. Es tut verdammt weh und macht einen fertig. Ich hoffe so sehr, dass es bald wieder normaler wird.

      Liebe Grüße,
      Melly

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