Mittwoch, 13. April 2016

Ist mein Kind normal? - oder: 'Gib der Omma ma ein Küsschen!'

Okay, ich gebe zu, die Frage ist vielleicht ein bisschen provokant.

Natürlich ist mein Kind normal. Aber eben doch etwas anders, glaube ich. 
Sie ist nun 19 Monate alt und mein erstes Kind. So vieles lerne ich täglich neu, aber wenn ich Vergleiche suche, dann schau ich in mein Umfeld, das bleibt nicht aus. 
Helena ist fröhlich, zu uns Eltern verschmust und liebevoll. 'Normal' eben (Himmel, ich HASSE dieses Wort!).
Da folgt jetzt ein ABER, das für mich kein wirkliches Problem darstellt und dennoch meine Gedanken einnimmt.

Sie hat früh und lang wirklich doll gefremdelt, und so richtig mutig ist sie immer noch nicht. Es ist für mich völlig selbstverständlich, dass sie ihr Gesicht in meinen Beinen vergräbt, wenn ein fremder Mensch sie direkt anschaut. Und wenn dieser Mensch lieb ist, lächelt, und Helena gut drauf ist, verschenkt mein Kind trotzdem ein strahlendes Lächeln, das Steine erweichen lässt.

Da gibt es noch die engere Familie. Meine Geschwister, Eltern, Schwiegereltern und Schwager. 
Hier klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Ich meine mitnichten meinen Wunsch. 
Fast alle akzeptieren Helenas zurückhaltende Art. Sie ist nicht der Typ, der den Großeltern in die Arme rennt oder sofort offen mit der Familie umgeht. Sie braucht Zeit, je mehr Menschen um sie herum sind, desto mehr. Man darf sie meistens nicht einfach hoch nehmen oder umarmen, auch die Großeltern nicht. Zumindest in der ersten Stunde nicht. 
Schon mehrfach wurden die Gefühle dazu geäußert, beide Großelternpaare äußern offen, dass sie dieses Verhalten verletzt. Das verüble ich ihnen nicht, ich bin dankbar für sie Ehrlichkeit und würde es mir für sie auch anders wünschen.
Die Frage ist, wie geht man damit um?
Wir als Eltern können und wollen da nicht viel tun, was auch? So häufig wie möglich besuchen wir die Familie. 
Diese ist liebevoll zu Helena, geht auf sie ein, spielt mit ihr, lacht mit ihr so viel wie möglich und nähert sich vorsichtig an. Perfekt.

Aber da gibt es manchmal auch andere Reaktionen. 
"Verwöhntes Mädchen"
"Dickköpfiges Ding"
erzwungenes Festhalten von Helenas Händen, Armen und Beinen
"Ihr müsst öfter kommen, damit sie sich an uns gewöhnt"
"Sie muss mal hier schlafen!"
...sind nur ein paar Beispiele.

Jeder dieser Vorfälle macht mich wütender
Jeder dieser Sätze und Taten zünden aber auch einen kleinen Zweifel an, dafür bin ich einfach anfällig. 
Ja, sie ist distanziert.
Ja, sie hat einen starken, eigenen Willen.
Aber wer auf sie eingeht, auf den geht sie ein. 
Der Prozess startet bei jedem Besuch neu, aber so IST ES EBEN!

Muss Kinderliebe zwingend durch Küsse, Umarmungen oder dauerndes Kuscheln ausgedrückt werden? Muss ein kleines Kind in diesem Alter das Umfeld außerhalb der Eltern als Verwandte erkennen und bestenfalls anhimmeln? 
Ich finde: Nein!

Sie wird ihre Großeltern lieben, sie wird garantiert gern Zeit bei ihnen verbringen, wenn sie älter ist. 
Sie hat einen coolen Motorrad fahrenden Opi, der das Leben nicht so richtig ernst nimmt,
eine fitte (und flotte) Omi, die laut singt, tausend Kinderspiele kennt und immer Rat weiß,
einen Opa, der klug und ein bisschen brummig ist, später bestimmt auf jede ihrer Fragen eine Antwort hat
und eine Oma, die von Herzen gern kocht und backt und der Kleinen sicher Wunsch von den Augen ablesen möchte.
Außerdem noch große, starke und herzliche Onkels und verständnisvolle, zärtliche Tanten.

Aber manchmal schleicht sich gaaaanz leiser Zweifel in mein Herz. Denn irgendwie ist unsere Tochter anders als das 'typische' Enkelkind. Und mir fehlt, wie eingangs erwähnt, jeder Vergleich. Ist Helena ungewöhnlich stark zurückhaltend? Bin ich daran schuld? Schotte ich sie ab? Oder vermittle ihr nicht genug Mut? Kommt sie einfach nur zu sehr nach mir?
Auch wenn ich gern Antworten hätte, ich weiß, ich kann es nicht ändern. 
Ich liebe dieses fröhliche, laute, lachende, tanzende, hüpfende, manchmal zornige aber eben auch schüchterne, klammernde Kind so sehr. Sie ist, wie sie ist. und ich möchte sie keinen Millimeter ändern. Sie wird wachsen, sich entwickeln. 
Ja, sie ist normal. Helena-normal

Kannst du aus eigener Erfahrung berichten?

Liebste Grüße,

                                                                                                                                                                                                                                           deine Lila 




Kommentare:

  1. Mein Sohn ist mit zwanzig Monaten ja ähnlich alt wie deine Helena. Wir sehen unsere Verwandten nicht häufig und dementsprechend zurückhaltend ist er ihnen gegenüber. Das Ganze dauert meistens aber nur einige Stunden, dann spielt er mit Oma und Opa. ABER er lässt sich auch ungern/gar nicht auf den Arm nehmen von ihnen. Er protestiert sofort und ruft nach mir oder Papa.
    Auch ich finde das manchmal schade, aber auf der anderen Seite denke ich mir immer:
    1. Man kann das nicht erzwingen.
    2. Ich mag diese zurückhaltende Art teilweise echt gerne. Er soll gar nicht mit jedem gut Freund werden und mitgehen.

    Klar, hier geht es um die Familie und nicht um Fremde. Aber auch das müssen die Kinder erst mal lernen. Vor allem wenn man sich nicht oft sieht.

    Zeit geben ist das Einzige was wir machen können. Verständnis zeigen. Einfach für sie da sein. Ihnen Sicherheit geben, dann wird das schon. Da gehe ich ganz stark von aus. :)

    Sonnige Grüße,
    Shy

    AntwortenLöschen
  2. Meine Große (jetzt 3 1/2) war genau so.Schüchtern,brauchte Zeit zum Auftauen usw.
    Ich hab sie machen lassen,nichts erzwungen und die blöden Kommentare ignoriert,oder,wenn es ganz gemein wurde,gesagt dass wir dann halt erstmal nicht mehr zu Besuch kommen.
    Ich hab aufdringliche Verwandte vor meinem Kind zurückgewiesen und sie auf den Arm genommen.
    Mittlerweile ist sie ein offenes und freundliches Mädchen geworden,die sich ihre "Leute" aber immer noch selber aussucht.Dafür haben wir als Eltern eine so starke Bindung zu ihr,dass wir z.B. in der Kita kaum Eingewöhnung brauchten...sie hat einfach ein so großes Urvertrauen weil sie weiß,sie MUSS gar nichts.Wenn sie keine Hand oder Küsschen geben oder erstmal nichts sagen möchte,ist das eben so.Da haben dann die Anderen ein Problem,nicht meine Tochter.
    Gib ihr die Zeit die sie braucht,ohne Druck,dann wird sie irgendwann auch offener.
    Und überhör die Kommentare der Familie...Kinder funktionieren nun mal nicht nach einem Schema.

    Liebe Grüße,
    Melanie

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Lila,
    Das ist alles so normal! Nimm sie in Schutz und zwing sie zu nichts. Sie wird von ganz alleine kommen. So war das bei meinen Kindern, meinen Nichten und Neffen.
    Ich habe Verwandtschaft in Frankreich und wie du sicher weisst, wird sich bei Begrüssungen dort dauernd geküsst. Ein Horror! Jeder küsst jeden! Und da gibt es ein paar ältere Tanten, die es nie verstanden haben, dass meine Kinder sich weigerten sie anständig zu begrüssen und schreiend das Weite suchten. Das führte oft zu familiären Diskussionen. Aber ich liess mich nie auf deren Spielchen ein.
    LG Niggelo

    AntwortenLöschen